Auf der Spur der Gewalt: Wann gibt es kein Zurück mehr?

Von Sarah Neururer und Sophia Tiganas –
Wann ist eine Beziehung nicht mehr bloß toxisch, sondern gefährlich? Ist es ab der ersten Gewalthandlung? Ist es, sobald die Polizei einschreitet? Drei Betroffene und eine Expertin möchten helfen, zu verstehen.

Ich liebe dich: Das war die Bedeutung der ersten Ohrfeige. Die Zweite war eine Machtdemonstration und ließ mich quer über das Bett fliegen. Er packte mich an den Haaren und zog mich hoch, bis ich vor ihm kniete. Ein liebevolles Lächeln umspielte seine Lippen, dann holte er mit der rechten Faust aus und schlug mir mit voller Kraft in die Rippen. Ich klappte zusammen. Er griff unter mein Kinn und zwang mich so in eine aufrechte Haltung. Er streichelte meine linke Wange. Eine weitere Ohrfeige folgte. Ich hatte mittlerweile aufgehört, mitzuzählen. (…) Er stand auf, verließ den Raum und kam keine Minute später zurück. Erst desinfizierte und verarztete er meine Wunde, dann verteilte er Kühlpacks auf meinem Körper und kuschelte sich an mich.

“Es ist vorbei.” 

Das schreibt Lou, 22, nach dem Abend, der sie sowohl körperlich als auch geistig vernarbt hat. Ihre Geschichte lässt staunen und wirft Fragen auf. An dem Abend hat ihre Beziehung mit ihrem damaligen Partner einen Wendepunkt erreicht – der Moment, in dem aus Liebe Gewalt wurde, aus Nähe Gefahr. 

Doch dieser Übergang geschieht selten plötzlich. Lous Beziehung wurde nicht einfach an einem Mittwochabend um 18:43 gefährlich. Meist sind es kleine Schritte, die Grenzen unmerklich verschieben: von verletzenden Bemerkungen zu kontrollierendem Verhalten, von Drohungen zu körperlicher Gewalt.

Wann wird aus einer toxischen Beziehung häusliche Gewalt? Was hält Betroffene in solchen Dynamiken gefangen, und wie können Außenstehende helfen? Lous Geschichte ist kein Einzelfall – und sie ist auch nicht die Einzige, die bereit ist, über den gefährlichen Kipppunkt in ihrer Beziehung zu sprechen. 

Um für diesen Beitrag authentische Einblicke zu erhalten, richteten wir uns über Reddit-Foren an potenzielle Betroffene und versprachen absolute Anonymität. Nicht einmal wir kennen die Identität der Frauen. Diese Strategie machte es ihnen möglich, sich zu öffnen: Mehrere Menschen teilten ihre Geschichten, teils schriftlich, teils in langen Telefongesprächen, die oft ebenso emotional wie erschütternd waren.

Liebe, die zu viel versprach 

“Er war eine sehr, sehr liebe Person und sehr rücksichtsvoll”, erzählt Lou. Als sie ihrem Ex-Partner über ihre erste Beziehung erzählte, in der sie sexualisierte Gewalt erlebte, wurde er umso liebevoller. 

Laut dem AOK Gesundheitsmagazin lassen sich die die intensiven Anfänge vieler toxischer Beziehungen lassen durch „Love Bombing“ erklären. Dabei handelt es sich um eine manipulative Strategie, bei der eine Person durch übermäßige Liebesbeweise, Komplimente und Zuwendung emotional abhängig gemacht wird. Diese Phase dauert oft Wochen bis Monate und endet abrupt, wenn der Täter die Kontrolle über die Beziehung gewonnen hat. Opfer berichten von plötzlicher emotionaler Distanz, Kritik und sogar Gewalt nach der ersten Phase.

Die Folgen für die Betroffenen sind gravierend: Die rasche Abhängigkeit führt zur Isolation von Familie und Freunden und macht es später schwierig, die Beziehung zu beenden. 

Der Kipppunkt

Blaue Augen. Geprellte Rippen. Gewaltvolle Grenzüberschreitungen. All das nur Monate, Wochen, oder gar Tage nach Phasen, die teilweise als „schönste Momente der Teenagerjahre“ galten. 

In Österreich hat laut Studien etwa jede fünfte Frau körperliche oder sexuelle Gewalt durch einen aktuellen oder ehemaligen Partner erlebt. Die Dunkelziffer dürfte noch viel höher sein, da viele Frauen aus Angst oder Scham die Angriffe nicht melden. Femizide sind in diesem Kontext der grausame Höhepunkt eskalierender Gewalt: Im Jahr 2023 wurden in Österreich 27 Frauen getötet – im Großteil der Fälle von aktuellen oder ehemaligen Partnern. Der Verein der Autonomen Österreichischen Frauenhäuser berichtet über 27 Femizide, 41 Fälle schwerer Gewalt und 24.330 Opfer familiärer Gewalt in Österreich im vergangenen Jahr. 

„Ich soll nicht so süß schauen, das mache es ihm schwerer, mich zu schlagen.”

Lou erzählt von der Nacht, die ihr Leben für immer gezeichnet hat: „Es waren zwei bis drei Stunden permanente Gewalt. Meine Hände waren gefesselt, ich war völlig wehrlos.“ Eine Aussage ihres Ex-Partners hat sich ihr besonders eingebrannt: „Für ihn war es stressreduzierend, jemanden zu verprügeln, den er liebt.“ Ebenso quälend waren die manipulativen Mechanismen, die er nutzte, um sie zu kontrollieren und zu isolieren. 

Was wie der Beginn einer ehrlichen und liebevollen Beziehung klang, entwickelte sich in eine andere Richtung. Anfangs gab es spielerische Neckereien, „ein bisschen Kitzeln hier und da, wenn er sich intellektuell unterlegen fühlte“, erzählt sie. Die erste Warnung, dass etwas nicht stimmte, kam mit einer unscheinbaren Handlung: „Es wurde von spielerischem Festhalten zu etwas Ernsterem. Einmal hat er mir die Luft abgedrückt, als ich etwas gesagt habe, das ihm nicht gepasst hat.“ 

Die Situation spitzte sich an dem von Lou geschilderten Abend zu. „Ich erinnere mich an die Nacht, in der er mich zwei Stunden lang geschlagen hat.” Ohrfeigen, Schläge in die Rippen, die sie wochenlang nicht atmen ließen – und am Ende ritzte er sogar seine Initialen in ihre Schulter. „Danach hat er mich verarztet, mir Kühlpacks gebracht, mich in den Arm genommen und gesagt, es sei vorbei.“

Die andauernde Gewalt und Manipulation führten bei Lou zu Selbstzweifeln: „Er hat mich so oft heruntergemacht, dass ich angefangen habe, ihm zu glauben. Ich dachte, es liegt an mir, dass ich nicht gut genug bin,“ sagt sie. Diese Mischung aus Erniedrigung und manipulativer Zuwendung machte es schwer, die Beziehung zu verlassen. „Es fühlte sich manchmal befreiend an, weil ich dachte, ich hätte es verdient.“

„Er habe versagt und ich soll ihm doch bitte diese Schmerzen ersparen.”

Sophie ist 22 und hat sexualisierte Gewalt in ihrer Beziehung erlebt. „Er konnte nicht mehr akzeptieren, dass ich keine Energie für Intimität hatte. Stattdessen hat er darauf bestanden, dass wir weiterhin Sex haben“, sagt sie. Sie erklärt, dass sie oft mitmachte, „weil ich dachte, ich müsste. Weil ich Streit vermeiden wollte.“ Ihr jetziger Freund bezeichnete das im Rückblick als Vergewaltigung – ein Begriff, den Sophie nur schwer annehmen kann. „Es ist ein sehr starkes Wort, aber letztlich hatte er in vielen Situationen nicht meine Zustimmung. Dieses ‚Nur Ja heißt Ja‘ hat nicht gegriffen.“

Die Beziehung war geprägt von alarmierenden Verhaltensweisen ihres Ex-Partners. Besonders auffällig: sein Umgang mit Konflikten. Im Alltag kommunizierten sie oft in einer skurrilen Babysprache – ein „süßes und niedliches“ Verhaltensmuster, das vor anderen absurd wirkte. Doch in Konflikten änderte sich alles schlagartig. „Plötzlich sprach er ganz erwachsen, distanziert und kalt. Und ich wusste, jetzt kommt etwas.“ Diese Momente waren der Auftakt zu regelmäßigen Eskalationen.

Sophie spürte, wie ihre Lebensfreude zunehmend verblasste. Ihre psychische Gesundheit verschlechterte sich, und sie fühlte sich in einem Teufelskreis gefangen: Je mehr Druck sie spürte, desto weniger konnte sie leisten, was er verlangte, und desto mehr eskalierten die Konflikte.

Die Situation spitzte sich zu, als Sophie erkannte, dass sie in der Beziehung keine Erholung fand, sondern nur Belastung erlebte. „Ich hätte mir so sehr gewünscht, dass er mir einfach mal Ruhe lässt, mich für einen Moment allein sein lässt.“ Doch das war unmöglich: „Er hat extrem geklammert, wollte immer Zeit mit mir verbringen.“ Als sie schließlich ihr Studium begann und neue Menschen kennenlernte, darunter auch ihren jetzigen Partner, öffneten sich für Sophie neue Perspektiven.

Sie beendete die Beziehung – doch die Trennung war alles andere als einfach. „Er hat mir gedroht, sich etwas anzutun“, erinnert sie sich. „Wir standen auf einer Brücke, und er sagte, er würde springen. Ich hatte nur Angst, wie ich das meiner Familie erklären sollte, falls es passiert.“ Heute blickt Sophie reflektiert auf die Beziehung zurück und hat eine klare Botschaft: „Wenn du ein komisches Bauchgefühl hast, rede mit jemandem. Hol dir eine zweite Meinung, eine andere Perspektive. Du musst es nicht allein durchstehen.“

Die Zahlen hinter den Geschichten

Neben den persönlichen Geschichten sprechen auch die Zahlen eine deutliche Sprache. Der Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF) berichtet in seinem Tätigkeitsbericht 2023, dass 1.148 Personen in autonomen Frauenhäusern betreut wurden, darunter 571 Frauen und 577 Kinder. Zusätzlich fanden fast 3.600 Menschen in Übergangswohnungen und Schutzunterkünften Zuflucht. Diese Einrichtungen spielen eine zentrale Rolle dabei, Betroffenen einen sicheren Raum und die Möglichkeit zur Rehabilitation zu bieten.

Besonders erschreckend ist der Umgang mit sexueller Gewalt: Laut einer Studie haben 52 Prozent der Frauen, die in ihrer Kindheit sexuelle Gewalt erfahren haben, niemals Hilfe gesucht. Scham, Schuldgefühle und das gesellschaftliche Stigma verstärken die Isolation der Opfer.

Schamgefühl und transgenerationale Verantwortung

Dass sich bei diesen beiden Erfahrungen ein bekanntes Muster ableiten lässt, bestätigt auch Denise. Sie arbeitet in der Abteilung für Kinder- und Jugendhilfe beim Land Tirol. Ihre Abteilung schreitet dann ein, wenn die Polizei involviert wurde. Meistens direkt in einer Situation körperlicher Gewalt, denn nur dann können Annäherungs- und Betretungsverbote ausgesprochen werden.

Wobei da auch gerade ein Umbruch stattfindet, wie sie erzählt: „Früher war es immer so, dass die akute Gefährdung im Moment da sein musste. Und jetzt ist es öfter der Fall, dass die Polizei auch Betretungsverbote ausspricht, wenn psychische Gewalt ein Thema ist.“ Jedoch ist die Dunkelziffer enorm hoch, da ein Einschreiten der Behörden eben nur möglich ist, wenn es jemanden gibt, der auch die Polizei ruft. Eine Gegebenheit, die sehr viel Mut erfordert. Und auch, wie in den zuvor geschilderten Situation, oft körperlich nicht möglich ist.

Die Mitarbeiterin ist insbesondere dafür verantwortlich, abzuklären, ob Kinder und Jugendliche im Haushalt in Gefahr sind und ob die betroffenen Personen weiterführende Hilfe brauchen. Dafür arbeitet sie mit dem Gewaltschutzzentrum zusammen.

Marie ist 19 Jahre alt. Sie hat die Gewalt, die ihr Vater jahrelang an ihrer Mutter ausgeübt hat, hautnah miterlebt. Dennoch sind ihre Eltern heute noch zusammen. „[…] meiner Meinung nach hätte meine Mutter direkt eine Scheidung nach der ersten Gewalterfahrung einreichen sollen. Hat sie aber nicht gemacht, weil sie der festen Meinung ist, dass ein Kind unbedingt beide Elternteile braucht – das sehe ich aber ganz anders.“

Mit Kindern kommen Frauen aus toxischen Beziehungen noch schwerer heraus. Sie wollen den Kindern den anderen Elternteil nicht wegnehmen, gerade wenn dieser sich den Kindern gegenüber liebevoll verhält. Das führt auch dazu, dass oft Schuldgefühl zurückbleibt, wenn sich Betroffene doch Hilfe holen.

Jedoch zählt das Miterleben von Gewalt, wie es auch bei Marie der Fall war, gerichtlich als schwere Kindeswohlgefährdung. Auch wenn dem Kind selbst kein körperlicher Schaden zugefügt wird, die psychischen Folgen können gravierend sein. Einerseits sinkt das eigene Selbstwertgefühl, Gewaltbereitschaft und die Toleranz toxischer Verhaltensweisen hingegen steigen. Häufig bleibt laut Denise das Gefühl, dass „[…] sie selbst nicht schützenswert sind, weil ‘der Papa ist ja immer mit der Mama so umgegangen, das ist halt einfach so, mehr bin ich halt nicht wert.’“

In der Hierarchie ganz unten

Ein weiteres Phänomen, das Denise, die Mitarbeiterin des sozialen Fachdienstes, häufig beobachtet, ist die Selbstwahrnehmung Betroffener in toxischen Beziehungen. Gerade wenn Kinder im Spiel sind, ordnen sie sich selbst in der Hierarchie ganz unten ein. Psychische Gewalt verstärkt dieses Gefühl und vermittelt den Eindruck, nichts wert zu sein oder die toxische Behandlung verdient zu haben. Diese Dynamik erschwert den Moment des Kippens, da sie oft das Gefühl haben, es allein nicht zu schaffen.

Auch vergebliche Hoffnung spielt dabei eine Rolle. Jegliche “Friedenszeiten” in der Beziehung geben Betroffenen Anlass, davon auszugehen, “dass es vielleicht doch noch wird”. Solche Phasen verschleiern den Übergang von toxischen zu gewalttätigen Beziehungen und erschweren eine klare Abgrenzung.

Holt die betroffene Person dann doch Hilfe, dann häufig eher aus einem Bedürfnis nach Schutz für die Kinder. “Man weiß, die Kinder leiden jetzt und dann muss man im nächsten Schritt etwas für sie tun. Dass man es sich selber wert ist, ist das Allerletzte.”

Dieses beschädigte Selbstbewusstsein wird in der Folge auch von einer sozialen Unterlegenheit zusätzlich in Mitleidenschaft gezogen. Geringeres Einkommen und damit eine finanzielle Abhängigkeit in Kombination mit einer emotionalen – eine fatale Kombination. Eine Kombination, die Mütter in toxischen Beziehungen noch einmal zusätzlich marginalisiert, wie auch Marie bestätigt. “Diese Existenzgeschichte, diese ganzen finanziellen Themen und nachher kommt vielleicht noch dazu, dass du den ganzen Mental Load hast, was deine Kinder betrifft … Du hast die komplette Verantwortung: alles was Bildung, Grundversorgung, emotionale Versorgung betrifft.”

All diese Faktoren erschweren es für Frauen wie Maries Mutter erheblich, sich Hilfe zu holen. Denn in den meisten Fällen mangelt es nicht am Bewusstsein, dass ein Kipppunkt überschritten wurde. Es fehlt die soziale Sicherheit, um sich aus einer gekippten Beziehung zu befreien. Es gibt ihn also, diesen Punkt, an dem klar wird: So geht es nicht weiter. Darauf folgt jedoch oft ein langer und schwieriger Prozess der Loslösung.es Verstehen wertvoll – als Mahnung, als Aufruf zu Empathie und als Erinnerung daran, dass Fragen und Zuhören Leben verändern können.

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