Kreativität und Psyche: Wie viel Wahnsinn steckt im Genie?

Von Stephanie Pontasch und Katharina Nachbaur – „Ich spüre mit Sicherheit, dass ich wieder verrückt werde.“ Kreativität und Psyche: Wie viel Wahnsinn steckt im Genie?

„Ich spüre mit Sicherheit, dass ich wieder verrückt werde.“

Es sind die letzten Zeilen, welche die Schriftstellerin Virginia Woolf an ihren Ehemann Leonard richtet: „Ich spüre mit Sicherheit, dass ich wieder verrückt werde. Ich glaube, dass wir diese schreckliche Zeit nicht noch einmal durchstehen können. Dieses Mal werde ich mich nicht erholen [..]“. Kurz darauf, an einem kühlen Vorfrühlingstag im März 1941, begeht Woolf in einem Fluss nahe ihres Landhauses, die Manteltaschen mit Steinen beschwert, Suizid. Lebenslang hatte die Autorin mit psychischen Problemen zu kämpfen. In Tagebüchern, Briefen und Romanen beschreibt sie ihr Leid. Virginia Woolfs Schicksal wirft Fragen auf: Wann kippt Kreativität in psychische Belastung?

Fallen Genie und Wahnsinn zusammen? Menschen mit bipolarer Störung sind überdurchschnittlich oft Künstler*innen, wie schwedische Forscher*innen herausgefunden haben. Psychotherapeut Michael Mehrgardt, ordnet diese Erkenntnisse ein: „Es gibt Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Kreativität und psychischen Erkrankungen, aber endgültig geklärt ist das nicht.“ Er erklärt weiter: „Man kann das in beide Richtungen betrachten: Kreative Menschen nutzen ihre Kunst möglicherweise, um innere Konflikte zu bewältigen. Gleichzeitig kann große Kreativität zu sozialer Isolation führen – und die verstärkt wiederum psychische Belastungen.“

Zuhause – (k)ein sicherer Ort?

Virginia Woolf steht für die Verflechtung von psychischer Erkrankung und künstlerischem Schaffen. Sie litt Zeit ihres Lebens unter Zusammenbrüchen. Ihre Erkrankung wird heute mit traumatischen Erfahrungen in Verbindung gebracht: „Berichte legen nahe, dass sie in ihrer Kindheit Missbrauch durch ihre Halbbrüder erlebte“, erklärt Mehrgardt. Hinzu kam der frühe Tod ihrer Mutter und anderer Familienmitglieder. Der Therapeut betont: „Solche traumatischen Erlebnisse können das Grundvertrauen eines Menschen nachhaltig erschüttern. Bei Missbrauch, insbesondere in der Kindheit, entsteht oft eine tiefe Unsicherheit, da der Raum, in dem ein Kind normalerweise Schutz und Sicherheit findet – das Zuhause – zum Ort des Traumas wird“.

Bevor der Kippschalter umgelegt wird

Doch wann kippt kreative Energie in psychische Instabilität?„Antriebslosigkeit, Rückzug, Schlafstörungen oder negative Gedanken können erste Hinweise sein.“, erklärt Mehrgardt. -„bei kreativen Menschen äußert sich ihr inneres Erleben oft in ihrer Kunst“. Diese Signale werden häufig ignoriert. Die Gesellschaft bewundert, das Kunstwerk, ohne die Person dahinter wahrzunehmen. „Das bedeutet, dass die Signale, die die Betroffenen senden, häufig übersehen oder nicht ernst genommen werden“. Um ein Kippen zu verhindern, sei frühzeitige Hilfe entscheidend. „Wichtig ist, dass die Betroffenen ihre Emotionen und Erlebnisse äußern können, anstatt sie nach innen zu richten. Das Phänomen der sogenannten Retroflexion – also die Unterdrückung und Umkehrung von Gefühlen gegen die eigene Person – spielt hier eine große Rolle“.

Hilfe, wie helfe ich? – was Angehörige (nicht) tun sollten

Das soziale Umfeld spielt eine entscheidende Rolle bei der Bewältigung psychischer Erkrankungen. Virginia Woolfs Welt war von Männern dominiert. Während des Zweiten Weltkriegs lebte sie mit ihrem Mann Leonard in Sussex. Das ländliche Leben in Sussex bot Schutz vor den Bombardierungen Londons, aber die Isolation verschlechterte möglicherweise Woolfs psychische Gesundheit. Mehrgardt erklärt: „Freunde und Angehörige können enorm helfen, indem sie die Betroffenen ernst nehmen und nicht mit übermäßigem Mitleid oder Überbehütung begegnen. Gleichzeitig kann ein belastendes Umfeld die Situation verschärfen“. Das Umfeld muss einfühlsam sein, ohne die Betroffenen zu bevormunden. „Es ist auch wichtig, dass das Umfeld authentisch bleibt und den Erkrankten weiterhin als gleichwertige Person behandelt“, betont der Psychotherapeut. Unterstützung aus dem sozialen Umfeld ist wichtig, doch allein reicht sie oft nicht aus. In diesem Fall ist professionelle Hilfe unerlässlich. In der Behandlung von Trauma und Depression gibt es heute verschiedene Ansätze. Mehrgardt nennt Gesprächstherapie und EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) als häufig angewandte Methoden in der Traumatherapie. Doch er warnt: „Allein technische Ansätze wie EMDR reichen oft nicht aus. Für die Verarbeitung von Emotionen und inneren Konflikten braucht es oft einen langfristigen therapeutischen Prozess, der individuell angepasst ist“.

Wahnsinn oder wahnsinnig viel Potential?

Können diese Maßnahmen und Therapien ein Kippen vom Genie zum Wahnsinn verhindern? Es braucht mehr, meint Mehrgardt. „Die Gesellschaft könnte viel tun, indem sie ein Klima schafft, in dem über psychische Belastungen offen gesprochen werden kann, ohne dass Stigmatisierung oder Abwertung stattfinden. Es ist wichtig, kreative Menschen nicht auf ihre Werke zu reduzieren, sondern auch die Person dahinter zu sehen“. Er schlägt vor, vorsorgend auf die Bedürfnisse von Hochbegabten oder besonders sensiblen Personen einzugehen, etwa durch spezielle Unterstützungsprogramme. Virginia Woolfs tragisches Schicksal mahnt uns, genau hinzusehen. Ihre Brillanz als Schriftstellerin war untrennbar mit ihren inneren Kämpfen verwoben. „Ich verdanke alles Glück in meinem Leben Dir“. Ihr Abschiedsbrief steht symbolisch für die Zerbrechlichkeit vieler kreativer Menschen. Es ist ein Balanceakt, der nicht allein von den Betroffenen selbst bewältigt werden kann.

Unsere Aufgabe als Gesellschaft ist es, aufmerksam zu bleiben, zuzuhören und jene zu schützen, deren Werke uns so sehr berühren. Nur so können wir sicherstellen, dass die Virginia Woolfs unserer Zeit den schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn sicher beschreiten können.


Dr. phil. Michael Mehrgardt
Ehemaliger Psychologischer Psychotherapeut

Dr. Michael Mehrgardt, geboren 1953 in Hessen, studierte Psychologie in Göttingen und Bochum. Nach Tätigkeiten in Fachkliniken und therapeutischen Einrichtungen leitete er ab 1990 seine eigene Praxis in Lübeck. Bis zu seinem Ruhestand 2018 widmete er sich der Psychotherapie, Supervision und Weiterbildung und begleitete zahlreiche Menschen auf ihrem Weg.

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