Andras Pustay schnaubt in die PC-Kamera: Ob er noch einen Premierminister erleben wird, der nicht Viktor Orban heißt, könne er nicht sagen. Wenn der Geschäftsführer von Telex.hu von den Herausforderungen erzählt, vor die ihn Ungarns Medienpolitik über die Jahre gestellt hat, klingt er trotzdem nicht resigniert. Im Interview, das wir im Dezember 2024 online führen, fragt er, ob ich wisse, was ihn optimistisch macht: „Wenn wir einen Praktikumsplatz ausschreiben, bekommen wir 500 Bewerbungen. Ich dachte immer, dass in einem Land wie Ungarn, unter diesen Bedingungen, niemand Journalist sein möchte.”
Regierungspropaganda und wenige Nischen, die sich ihre Unabhängigkeit unter viel Druck bewahren konnten – Das sind die zwei Pole, um die sich die Nachrichtenbranche bei unseren Nachbarn bewegt. Wenn man als Nachrichtenorganisation nicht RTL oder Blikk heißt, die sich in ausländischem Besitz befinden, lebt man oft prekär. Was macht Telex so besonders?
Am Bildschirm schimmern András Pusztays Haare silbern über einer Hornbrille. Der End-Dreißiger erinnert sich noch gut an seine vorherige berufliche Station. Das war Index. „Vor 25 Jahren haben ein paar Typen in einer Garage eine Nachrichtenseite gestartet. Damals war es gar nicht so leicht, Politikern zu erklären, was Index ist. Aber noch schwieriger war es, ihnen zu vermitteln, was das Internet ist.” Lange gab es in Ungarn zwei große Online-Nachrichten-Seiten. Eine davon betrieben von der Telekom, die andere eben Index. „Für meine Generation war Index wirklich wichtig. Das war ein Ort, wo wir im Internet aufgewachsen sind – etwas, das man gelesen hat, wo man Ideen beigesteuert hat, wo Kritik geübt wurde”. Index war erfolgreich und für hunderttausende Ungarn eine Internet-Hauptadresse.
Die Verwandlung von Index
Plötzliche Veränderungen der eigenen Persönlichkeit – in Ungarn passiert das auch Zeitungen. Index ist heute nicht mehr so, wie es einmal war. Kritische Berichterstattung gibt es über die Opposition und deren Kandidat:innen. Themen, die die Regierung von Viktor Orban in ein schlechtes Licht rücken könnten, kommen dafür weniger prominent vor. Robert Nemeth, der am Zentrum für Medien und Journalismusforschung in Budapest forscht, klickt sich durch die Homepage: „Schauen wir mal, was es gerade gibt.” Nemeth findet rasch einen Bericht. „Das ist ein sehr gutes Beispiel”, sagt er und erzählt kurz den Hintergrund der Geschichte. Nach der Bürgermeisterwahl in Budapest 2024 sind Fotografien des Telefons eines Fidesz-Poltikers aufgetaucht. Kritische ungarische Medien erzählen die Geschichte, weil einiges auf Wählertäuschung hindeutet: Fidesz habe sich mit einem auf der Oberfläche unabhängigen Kandidaten bessere Chancen auf den Wahlsieg ausgerechnet. Im Hintergrund gab es eigentlich Abmachungen. Index wirft einen ganz anderen Blick auf die Fakten: War es denn legal, das Handy des Fidesz-Mann zu fotografieren?
Die Propaganda Maschine
Medienforscher Nemeth nennt drei Typen von Medien, die man in Ungarn antrifft. Da gibt es unabhängige, halb unabhängige und Regierungsmedien. Letztere stehen an erster Stelle und werden direkt oder indirekt vom Staat und Fidesz kontrolliert. Das geschieht über die Vergabe von öffentlichen Werbemitteln und Besitzstrukturen. Schätzungen zufolge (Euromedia Ownership Monitor) kontrolliert die ungarische Regierung 93% des Radio-Marktes, die Hälfte der landesweiten Tageszeitungen, sowie mehr als ein Drittel der Online-Nachrichtenseiten. Dazu kommt praktisch der gesamte Markt der Regionalzeitungen. Am Land in Ungarn ist es finster – fast alle Lokal- und Bezirksblätter (darunter auch TV und Radios) gehören zu KESMA – der mitteleuropäischen Presse- und Medienstiftung. Ungarische Geschäftsmänner “spendeten” Medien an das Konstrukt, nachdem sie vorher Zeitung um Zeitung, Sender für Sender aufgekauft – und zum Teil zugedreht hatten. Robert Nemeth: „Man sieht, wieviel diesen Leuten an ihrem “Eigentum” gelegen hatte”. An der großflächigen Einkaufstour beteiligte sich auch ein Österreicher, Heinrich Pecina. Die liberale Traditionszeitung Népszabadság wurde kurz nachdem sie von Pecinas Vienna Capital Partners an andere ungarische Geschäftsmänner übergeben wurde, komplett eingestellt. Auf den Ibiza-Aufnahmen sagt H.C. Strache: „Der Typ (Anm.: Pecina) ist ein wirklich großer. Er hat dem Orbán alle ungarischen Medien der letzten 15 Jahre aufgekauft und für ihn aufbereitet“.
Immer das gleiche Programm
Robert Nemeth wirkt nicht wie ein Typ, der zu Übertreibungen neigt. Wenn er KESMA und die öffentlich Rechtlichen Kanäle “Propaganda Maschine” nennt, dann ist es eine überprüfbare Tatsachenbeschreibung – kein wertendes Urteil. In der regierungsnahen Presse werden Botschaften Orbáns verstärkt, bleiben unwidersprochen und unhinterfragt. Haltlose Vorwürfe sollen Opposition und Kritiker diskreditieren. Die Frau eines Kandidaten, eine Hebamme, hätte ein Kind getötet. Ein anderer Oppositioneller sei Schuld am Tod seines Nachbarn. Das dann in Dauerschleife. Wenn Orban dem staatlichen Radiosender Interviews gibt, lesen sich die Transkripte wie Pressemitteilungen. Wiederkehrende Themen: „Genderwahn“ und die Gefährdung der traditionellen Familie, Migration als Bedrohung für Ungarn, böse internationale Netzwerke und die EU, die es auf Ungarns Souveränität abgesehen haben. Für die „Patrioten“ Trump, Salvini und Kickl dagegen viel Lob.

Schlagzeilen (24.1.2025) aus Lokalzeitungen, die zur KESMA Stiftung gehören, sind ident oder ähneln sich. In den Beispielen warnt Orban nach Bombendrohungen, dass Migranten “explodieren” werden.
Index verliert seine Unabhängigkeit
Im Oktober 2019 hatte Fidesz bei den Kommunalwahlen massiv verloren, neun Tage vor den Wahlen ging ein Skandalvideo des Fidesz-Bürgermeisters von Györ viral und Investigativjournalisten berichteten über einen Korruptionsskandal. András Pusztay, damals noch bei Index, ist sich sicher: „Index wurde von der Regierung für das Ergebnis verantwortlich gemacht”. In Budapest und einigen größeren Städten konnte die Opposition die Rathäuser erobern – ein Kontrollverlust für das System Fidesz. Miklós Vaszily, einer der mächtigsten Medienuneternehmer des Landes, kaufte mitten im ersten Corona-Lockdown 50% der Verlagsgruppe von Index.
Robert Nemeth findet die Frage spannend, warum Index für regierungsnahe Kreise damals eine interessante Kaufadresse wurde. Hatten sie nicht schon genug Medien? „Sie benötigten etwas, mit dem sie auch unabhängige Wähler erreichen konnten”, sagt er, „und Index hat hohe Reichweiten”. Was hilft es den Staatsfunk und hunderte Zeitungen am Land zu kontrollieren, wenn diese von den unabhängigen Wählerinnen dann nicht geschaut oder gelesen werden? „Mit Index konnten sie ein größeres Publikum ansprechen, nicht nur Menschen, die ohnehin Fidesz toll finden”. Nebeneffekt der teils plumpen Regierungs-PR ist, dass viele Ungarn das Spiel durchschauen und regierungsnahen Medien misstrauen. Bloß 23 Prozent der Ungarn geben im Digital News Report an, Vertrauen in die Nachrichten zu haben.
Die Entscheidung
András Pusztay sollte für die neuen Eigentümer die Index-Redaktion umbauen. Die Redaktion wäre verkleinert worden, die einzelnen Ressorts wie Politik, Wirtschaft, Sport und Kultur sollten ausgelagert werden. Pusztay: „Die Kern-Redaktion hätte also Inhalte von externen Redaktionen bestellt. Aber wenn die Externen nicht das schreiben, was du hören möchtest, wechselst du halt den externen Anbieter.” Die Kollegen ahnen, worauf die Veränderungen hinauslaufen. Am 20. Juni 2020 soll Pusztay einen Vertrag mit drei externen Content-Anbietern unterschreiben, aber schon vorher weiß er, dass er es nicht tun wird: „Das war ein Moment, wo ich dachte: Ok, nie und nimmer“. Nach Pusztays Kündigung im Juni geht auch ein Großteil der Redaktion von sich aus, weil der Chefredakteur Szbolcs Dull einen Monat später entlassen wird. „Es ist lustig, es gab Kollegen, die mich fragten, ob wir einen Plan-B haben”, erinnert sich Pusztay. „Aber manchmal weiß man einfach, was zu tun und was richtig ist”. Auf Fotos von damals warten Männer und Frauen in ihren Redaktionszimmern mit ihren Kündigungsschreiben in der Hand. Am 22. Juli 2020 wagen gut 80 Journalistinnen einen Neuanfang. Aus Index wurde Telex.
Überleben in der illiberalen Demokratie
Was war der Plan? Daten des Euromedia Ownership Monitors besagen, dass 78% der ungarischen Medienunternehmen für ihr wirtschaftliches Überleben von öffentlichen Werbegeldern abhängen. Niemals mit diesen Geldern rechnen können all jene, die sich nicht “loyal” zur Regierung verhalten. Als die Index-Journalisteninnen ein Zeichen für Unabhängigkeit setzen wollten und ihre alte Zeitung verließen, um eine neue zu gründen, war Wirtschaftskrise und Lockdown, der Erfolg ungewiss.
In Mediensystemen mit autoritären Zügen kann der Dialog mit dem Publikum ein Rettungsanker sein. „Ich glaube Gemeinschaft ist der wichtigste Begriff, wenn es um die Geschichte von Index und später Telex geht”, sagt Geschäftsführer Pusztay. Der Telex-Chef meint damit die eigenen Leserinnen. Denn zu einem großen Teil finanziert sich Telex über ihre Spenden. Dass man auf ihre Unterstützung angewiesen ist, ließ man sie früh wissen. 2018, damals also noch Index, schien als Teil eines Marketing Gags für ein paar Stunden lang eine 404-Fehlermeldung auf den Bildschirmen der Userinnen auf: “Seite nicht gefunden” – scheinbar war die Website vom Netz gegangen. Verdutzte Reaktionen trudelten in der Redaktion ein. „Wenn ihr wollt, dass es uns weiter gibt, müsst ihr uns unterstützen”, so die Botschaft an die eigene Community, erzählt Pusztay. Innerhalb weniger Tage sammelte Index eine halbe Million Euro. „Wir wussten, ok, wir haben diese Community um uns herum, und das gab uns die Stärke, nicht nur unabhängig zu sein, sondern auch unabhängig zu handeln, mutig zu sein”. Telex spannte sich noch ein zweites Sicherungsnetz. Anders als Index damals befindet sich Telex heute im Besitz der eigenen Mitarbeiterinnen – dass sie ihre Zeitung jemals an einen ungarischen Oligarchen oder Heinrich Pecina verkaufen werden, ist unwahrscheinlich.

Mit einer 404-Fehlermeldung signalisierte Index der eigenen Leserschaft, dass es finanzielle Unterstützung benötigte. Neben den Journalisten von Index wanderte auch ein großer Teil der eigenen Community zum neu gegründeten Telex
Andere haben es schwerer als Telex
Was Telex mit Hilfe der eigenen Leserschaft aufstellen konnte, wäre so in ungarischen Provinzen nicht möglich. Der Prozentsatz von Nachrichtenkonsumenten, die bereit sind, für Journalismus Geld auszugeben, ist nach wie vor gering. Robert Nemeth: „Mit einem großen Publikum können Spenden den Unterschied ausmachen – aber als Lokalzeitung, die einen Bezirk oder eine Kleinstadt beliefert, sind die Spendenwilligen nur eine Handvoll Menschen. Dann reicht das einfach nicht, um zu überleben”. Wenn kritische Medienhäuser sich dann von ausländischen Stiftungen oder Geldgebern Unterstützung holen, werden sie in Ungarn als „Dollar-Medien“ beschimpft, die ausländische Interessen verfolgen und Ungarn schädigen würden. Am Zentrum für Medien und Journalismusforschung blickt man mit Sorge auf die ländlichen Gegenden Ungarns, wo die Bedingungen andere sind als in der Hauptstadt – und wo Fidesz die Wahlen, anders als etwa in Budapest oder einigen Provinzhauptstädten weiterhin gewinnt. Die Menschen dort mit unabhängiger Information zu versorgen, sei gar nicht so einfach. „Meine Eltern am Land lasen wie jeder sonst dort heute noch die örtliche Lokalzeitung. Das ist dort immer noch die wichtigste Informationsquelle”, sagt Nemeth. „Die Menschen sehen also das Staatsfernsehen, hören das staatliche Radioprogramm, lesen die staatlich kontrollierte Lokalpresse – also selbst wenn gelegentlich eine kritische Meldung zu ihnen durchdringt, was werden sie eher glauben: Diese eine Meldung oder das was sie sonst über vier, fünf andere Quellen ständig hören?”
In der Hauptstadt geht es Telex gut, das einst zarte Pflänzlein schlägt Wurzeln, stellt in seinem fünften Jahr Mitarbeiterinnen und Praktikanten ein, gewinnt Preise. Es gibt aber Dinge, die Andras Pusztay weniger positiv stimmen. „Wissen Sie, was mich pessimistisch macht? In den letzten 30 Jahren waren es die ungarischen Journalisten, die in den Westen gingen, um zu verstehen, wie man gute Medien macht. Jetzt haben wir viele Besucher aus dem Westen, die zu uns kommen, weil sie sehen wollen, wie man in der illiberalen Demokratie überlebt. Sie denken, dass es das ist, was auf sie zukommen wird, in den nächsten Jahren.”
