Kipppunkt zur Sucht: Der schmale Grat zwischen Genuss und Abhängigkeit  

Von Jasmin Metschitzer –
Wann wird Genuss zur Sucht? Alkohol ist tief in unserer Kultur verwurzelt, doch der Übergang zur Abhängigkeit verläuft oft schleichend. Denise eine Alkoholsucht-Erkrankte teilt ihre Erfahrungen, und der Experte Mag. Wolfgang Ertl gibt Einblicke in die Hintergründe. Gemeinsam zeigen sie auf, warum Prävention und Aufklärung so wichtig sind.

Alkohol ist tief in der österreichischen Kultur verwurzelt – sei es als Genussmittel, sozialer Begleiter oder scheinbarer Problemlöser. Doch wann kippt der Konsum in die Abhängigkeit? Was sind die ersten Anzeichen, und wie entwickelt sich eine Sucht? In dieser Reportage kommen Denise, eine Betroffene, und Mag. Wolfgang Ertl ein erfahrener Psychologe zu Wort. Ihre Erzählungen und Erkenntnisse zeigen, wie subtil und zerstörerisch dieser Prozess verlaufen kann.  

Der schleichende Beginn einer Abhängigkeit  

„Alkohol hat mir nie geschmeckt“, berichtet Denise, die seit drei Monaten in einem Tageszentrum für Suchthilfe betreut wird. Sie kämpft schon lange mit einer Bipolaren Persönlichkeitsstörung und arbeitet mit Psychologen daran wieder in eine Routine zu kommen. Die familiäre Prägung spielte eine große Rolle: „Meine Eltern waren auch früher Alkoholiker, deshalb bin ich halt schon damit aufgewachsen.“ Trotz der erschreckenden Erlebnisse in ihrer frühen Kindheit, fand die Alkoholabhängigkeit dennoch ihren Weg in ihr Leben. „Und bin auch eben vom verschiedenen-Substanzen-durchprobieren in der Jugend dann beim Alkohol hängen geblieben.“

Mag. Ertl erklärt da bestätigt, dass solch frühe Berührungspunkte ein Risikofaktor sind. „Sehr früher Konsum ist ein Faktor, sollte man Eltern auch sagen, die dann ihre Kinder Bier trinken, oder holen lassen. Ich weiß nicht, warum Kinder aus dem Kühlschrank Bier holen sollen, die sollen die Himbeeren und die Apfeln aus dem Kühlschrank holen, aber nicht das Bier.“ Kritisiert er.

Warnsignale und Wendepunkte  

Die ersten Warnzeichen ihrer Sucht waren für Denise schwer zu erkennen. „Ich habe gemerkt, dass ich meistens mehr trinke als die anderen.“ Doch die Erkenntnis, dass Denise ein Problem hat, kam erst lange Zeit später. Sie beschreibt ihre mentale Verfassung als Wendepunkt in ihrem Leben. Täglicher Konsum von alkoholischen Getränken, Verlust an Sozialen Kontakten, absinkende persönliche Hygiene waren alles nur Symptome ihres Tatsächlichen Problems. Denise möchte ihre Gefühle unterdrücken.

„Es fängt schon relativ früh an, da ist man schon oft der, der länger sitzen bleibt, mehr verträgt als die anderen, mehr trinkt als die anderen“ bestätigt Mag. Ertl.

Einen klaren Punkt, an dem Alkohol zum Suchtmittel wird, gibt es laut dem Psychologen nicht. Allerdings kann es hilfreich sein, sich einige Fragen zu stellen, um festzustellen, ob man möglicherweise in eine Abhängigkeit rutscht. „Wie viel ist zu viel? Wann bekommt der Alkohol eine Funktion? Wann kann ich nicht mehr ohne? Wann brauche ich es? Ist es ein innerer Druck, das Suchtmittel zu konsumieren.“

So richtig wahrgenommen, dass ihr Alkohol Konsum nicht „normal“ ist, hat sie erst als sie anfing sich mit anderen zu vergleichen. „Andere Menschen, wenn es ihnen schlecht geht, die suchen dann das Gespräch zu Anderen. Oder gehen spazieren oder machen Extremsport. Und ich habe dann zur Flasche gegriffen.“ Denise hat sich zurückgezogen, Kontakt zu anderen so gut es ging vermieden um ihre Gefühle und Gedanken im Alkohol zu ertränken. Dieser Rückzug führte zu einer gegenseitigen Dynamik: Je mehr sie sich von ihrem Umfeld distanzierte, desto weniger wurde sie zu Feiern und gemeinsamen Aktivitäten eingeladen. „Viele haben sich entfernt. Zum Beispiel Freundinnen, mit denen ich früher weggegangen bin. Wie die dann gemerkt haben, wird immer heftiger, wenn wir weggehen, dass es eskaliert ist und so. Die haben dann gesagt „Hey, du, wollen wir uns eine Zeit lang nicht sehen.““

Einen „gesunden“ Alkoholkonsum gibt es nicht sagt Magister Ertel. „Aber es gibt eine Menge, die gut vertragen wird. Wahrscheinlich kommen keine Probleme. Es ist relativ wenig. Für Männer ein halber Liter Bier. Bei zwei alkoholfreien Tagen sagt man so. Und bei Frauen die Hälfte. Da sieht man schon, es ist gar nicht mal so viel. Zwei Bier hast du schon einmal getrunken in der Gesellschaft.“ 

Beziehungen leiden stark an so einer Abhängigkeit. Denise beschreibt den Teufelskreis, in dem sie sich befand: Ihr fester Freund setzte sie unter Druck, weniger zu trinken, was ihr schlechtes Gewissen verstärkte. Um diese belastenden Gefühle zu betäuben, griff sie jedoch erneut zur Flasche, wodurch sich die Spirale weiterdrehte. „Er hat auch gesagt, ich kann nicht alles so lösen mit Alkohol, mit Betäuben, sondern muss halt schauen, dass wirklich auch mal an den Problemen gearbeitet wird. Aber das unter Druck setzen und beschimpfen lassen von ihm, hat mich eigentlich nur noch mehr dann wieder zum Alkohol getrieben, weil man ein schlechtes Gewissen hat. Und dann wollte ich das schlechte Gewissen betäuben.“

Der Psychologe kann Denises Reaktion verstehen: „Der Alkohol hat stabilisierende Eigenschaften. Wenn ich viel Angst habe, dann macht mich der Alkohol wieder ruhig. Er hat kurzfristig etwas Stabilisierendes, daraufstehen die Leute, dass sie sich wieder wohler fühlen in ihrer Haut und ihr eigenes Erleben verbessern.“ Es ist aber wichtig anzumerken, dass es das Ziel sein muss andere Ventile und Stabilisierungs-Methoden zu finden welche den Körper und den Geist nicht so belasten wie der Alkohol.

Der Weg zur Therapie  

Denise erinnert sich, wie schwer ihr der erste Schritt fiel. Denise berichtet, dass die Scham anfangs groß gewesen sei und es lange gedauert habe, bis sie sich dazu durchringen konnte, Hilfe zu suchen. Ihr Umfeld spielte eine entscheidende Rolle dabei, ihr bewusst zu machen, dass sie etwas ändern muss und sich Hilfe suchen sollte. Diese Einsicht löste jedoch zunächst große Angst in ihr aus. „Man weiß, es geht so nicht weiter.Aber die Angst, wie soll es sonst weitergehen? Und ja, du musst jetzt was ändern. Und kannst du das überhaupt, schaffe ich das? Wie soll ich das schaffen?“ Doch ihre Familie und ihr Partner gaben ihr Kraft, um diesen Schritt in die richtige Richtung zu gehen.

Jetzt ist Denise nüchtern und freut sich jeden Tag auf ihre Zeit im Tageszentrum. Hier fand sie nicht nur eine strukturierte Umgebung, sondern auch Gemeinschaft. Zu sehen, dass andere ähnliche Probleme haben, gibt ihr Mut. Besonders das Kochen in der Gruppe hat ihr geholfen. Es zeigt, wie man wieder Freude an kleinen Dingen finden kann.

Prävention: Den Übergang vermeiden  

Selbstreflexion kann zu einem gesunden Verhältnis mit Alkohol führen. „Ich würde mich mit den Mengen auseinandersetzen, die gefährlich sind oder nicht. Wenn ich schon merke, Alkohol ist ein Thema, würde ich ein Tagebuch führen, wie viel nehme ich zu mir?“ Er hebt hervor, dass ein bewusster Umgang mit Alkohol besonders bei Jugendlichen wichtig ist. „Dass ich weiß, dass es ein Nervengift ist. Dass es ein Zellgift ist. Dass ich abhängig werden kann. Wenn ich das alles weiß, kann ich ganz anders damit umgehen. Das bräuchte sicher viel mehr Aufklärungsarbeit“

Auch Denise hat einen Tipp: „Vielleicht drüber nachdenken, zu welchen Anlässen und Situationen man trinkt. Das kann einem vielleicht… Mir hat das geholfen. Weil in der Jugend war es eben wirklich nur so beim Fortgehen und in sozialen Situationen. Und dann immer mehr allein daheim und so. Und vielleicht fällt da ja anderen auch was auf.“

Sucht als gesellschaftliches Phänomen  

Alkohol ist eine der Drogen welche am einfachsten zu beschaffen ist, doch ist sie deshalb weniger gefährlich? „Millionen Menschen haben ein Problem mit Alkohol. 30.000 Opiatabhängige haben wir in Österreich. Allein die Diskrepanz. Von den Todeszahlen brauchen wir gar nicht reden. Also höchst gefährlich. Es gibt eine Untersuchung, wie schädlich eine Substanz ist, für andere und für einen selbst. Und im Ranking sind die Gewinner Alkohol und Nikotin mit Abstand.“ Erklärt Magister Ertl. Diese gefährliche Droge ist allerdings fest in unserer Gesellschaft verankert.

„Die Alkoholabhängigkeit wird bei insgesamt 4-5% der Österreicher diagnostiziert. Aber ein schädlicher Gebrauch würde man wahrscheinlich so bei 8-10% finden. Und das ist natürlich ein Continuum.“ erklärt der Psychologe. Diese Beachtlichen Zahlen könnten an der allgegenwärtigen Akloholkultur in Österreich liegen. Solange man „sozial adäquat“ trinkt ist es in der Gesellschaft sogar erwünscht ein, zwei Bier am Abend zu trinken. Er sieht aber auch schon eine Veränderung in den Jüngeren Generationen. Laut Ertl gibt es immer mehr Jugendliche, die ihren Alkoholkonsum reflektieren, oder sogar ganz mit dem Trinken aufhören bevor, es zu einer Sucht kommen kann. 

Denise sieht ihre Therapie als Neubeginn. Es war schwer, diesen Schritt zu machen, aber sie ist froh, ihn gewagt zu haben. Abschließend hat sie noch Worte an jene welche sich vielleicht gerade selbst die Frage stellen: Sollte ich mir Hilfe holen? „Es ist auf jeden Fall den Versuch wert, dass man mit jemandem darüber spricht, der sich auskennt. Da muss man sich überhaupt nicht schnieren. Weil es gibt genug Leute, denen es genauso geht. Also auf keinen Fall sich da irgendwie schlecht fühlen oder so.“

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