Klac Klac KlacKlac Skatboardrollen laufen über den kalten Asphalt. „Aufs Maul legen tut halt viel mehr weh, wenn‘s kalt ist“, sagt einer der Skater, bevor er sein Board vor sich auf den Boden wirft und sich in den von Graffiti bedeckten Beton-Kurs schmeißt. An diesem bewölkten Tag Ende November trotzen die Skater*innen der Kälte. Auf dem mehr als 500 Quadratmetern umfassenden Park sind sicher zu jedem Tageszeitpunkt etwa 50 Personen, und das trotz einem Himmel voller Wolken. Manche von ihnen bleiben sogar lange nachdem die Sonne untergeht. Doch der Park ist bedroht: Die Stadt Wien plant hier eine Event-Halle. Die Skater*innen und die anderen Nutzer*innen der Freifläche in St. Marx hätten dann keinen Platz mehr. Das wollen sie nicht einfach hinnehmen.
Der Park ist ein sogenannter DIY-Skatepark (do it yourself), das bedeutet hier bauen sich Nutzer*innen den Park selbst, nach ihren eigenen Vorstellungen und mit eigenem Schweiß. Regelmäßig nehmen hier die Leute Beton und Zement in die Hand und der Park wird erweitert oder verändert. Dabei helfen oft Leute mit, die gerade nur zufällig dort skaten. Sie tragen Zementsäcke oder schaufeln Erde.

Ben Beofsich stellt eine Gussform für einen Tischtennistisch fertig. Die Holzlatten passen auf den Millimeter. „Das ist ja fast gar nicht mehr DIY hier“, freut er sich. Der 35-Jährige ist Obmann des Vereins „Eigeninitiative Öffentlicher Raum“. Der Verein begann auf Bitte der Stadt Wien, den Skatepark in Sankt Marx zu bauen und verwaltet ihn auch, mal mehr mal weniger. 30 Meter weiter sitzen ebenso Menschen um Feuertonnen. Hier veranstaltet ein kleiner Konzertverein, während am Skatepark gebaut wird, eine House Musik Session, es werden warme Getränke ausgeschenkt. Dazwischen liegen die Grube, ein in Eigenregie gebauter und selbstverwalteter Basketballplatz, sowie ein weitläufiger Gemeinschaftsgarten. Die Wiener Standortentwicklungs Gmbh (WSE) holte diese sogenannten Zwischennutzungsprojekte auf die damalige Brachfläche. Das erste Projekt war der Garten, 2015. Der Do It Yourself Skatepark folgte 2017.
Die Projekte sind grundverschieden, haben aber ein gemeinsames Problem: Die Stadt Wien will in St. Marx eine neue Event-Halle errichten. Vor zwei Jahren gründet sich die Bürger*innen Initiative „St. Marx Für alle“ welche aktuell sehr viel an Schwung zunehme, erzählt Luise von eben jener Initiative. Man organisiere immer mehr und immer größere Vernetzungstreffen und habe sehr viel Kritik am Hallenprojekt. Mitbeteiligt seien Nachbar*innen, Nutzer*innen der Fläche und Student*innen, alle im Alter zwischen 20 und 60. Die einzelnen Projekte beginnen sich, angesichts des drohenden Baues, mit der Initiative und untereinander zu vernetzen. Anfang Dezember, fand ein riesiges Vernetzungstreffen mit anschließender Party statt. Es sei ein Umschwung Richtung Protest erkennbar.
Hier spüre man nun, ähnlich wie bei den Bauarbeiten am Skatepark, eine Mitanpack-Attitüde, freut sich Beofsich. Großer Faktor für diesen Kipppunkt sei die immer konkreter werdende Event-Halle. „Die Stimmung ist sehr gedrückt g‘rad; viele Menschen sind recht wütend. 150 Millionen Euro für so eine fuckin‘ Event-Halle, die sicherlich nicht mal wirklich den Wiener*innen zugutekommt“, schimpft er. Vor allem die finale Vergabe des Projektes an die private Investitionsfirma CTS Eventim sorgt für Entrüstung und sie animiert zum Protest. Diese Vergabe wurde gerade erst Mitte November final abgeschlossen. Davor folgte ein langer und wirriger Prozess, denn: die Idee der Halle in St.Marx entstand nicht gerade erst gestern. Ein kurzer Rückblick auf die Geschichte der Fläche und den Plänen zur Event-Halle findet sich hier.
Als nächste Schritte stehen nun eine Umweltverträglichkeitsprüfung sowie die Umwidmung im Flächenwidmungsplan an. Hier sehen Aktivist*innen erste Ansatzpunkte für Protest. Den für die Umwidmung müssten Anrainer*innen miteinbezogen werden, erläutert Ben Beofsich. Etwas, das laut Beofsich im ganzen Prozess noch kein einziges Mal passiert sei. Tatsächlich spricht Wirtschaftsstadtrat Peter Hanke nie von Bürger*innenbeteiligung. Hanke ist einer der Hauptverantwortlichen für die Wien Holding Arena. Für ihn besteht kein Zweifel, „dass die Wien Holding-Arena für den Standort Wien größte Bedeutung hat“. Dies würden Befragungen der Eventbranche des Landes belegen.
Im November 2024 häufen sich in der aktuellsten Pressemitteilung der Wien Holding AG, die Superlativen. Die Rede ist von „einer der besten Multifunktionsarenen Europas für große Konzerte, für große Shows, für grandioses Entertainment, für Mega-Sportevents“. Die Pressemeldung zeigt Hanke lächelnd. Er hält zusammen mit zwei Geschäftspartnern ein großes Plakat der Arena auf einer Terrasse; der Stephansdom prominent im Hintergrund. Oft wird wiederholt, man wolle gegenüber anderen Städten wettbewerbsfähig bleiben. Die aktuelle Stadthalle sei für große Eventfirmen nicht genug und so würden etwa große Acts Wien oft aussparen. In früheren Pressemeldungen des Wirtschaftsstadtrates war meist die Rede von Robbie Williams oder U2. Diese kommen in neueren Pressemeldungen nicht mehr vor. Ein von Österreichs größten Musikveranstaltungsunternehmen, Barracuda Music, gibt auf Anfrage des Standard an, in den letzten Jahren tatsächlich zwei große Acts nicht in der Stadthalle unterbekommen zu haben.
Die Standortwahl scheint für Hanke und die Wien Holding GmbH, als verantwortliche privatwirtschaftlich organisiert Firma im Stadtbesitz, frei von Zweifeln zu sein. „Neu Marx ist verkehrstechnisch gut erschlossen, öffentlich und für den motorisierten Individualverkehr“ heißt es. Für Autos seien „im direkten Umfeld der künftigen Arena mehr als 2.000 Stellplätze bereits vorhanden“. Zehn Flächen wurden im Vorfeld in Betracht gezogen. Das Ergebnis: „Neu Marx setzte sich bei der Standortsuche, die von externen Experten begleitet wurde, klar durch“.
Für die Leute vor Ort in den Projekten, für die St. Marx Initiative und für Ben Beofsich ist das wenig bis gar nicht nachvollziehbar. Es würden viele Fragen offenbleiben. Beofsich äußert Bedenken, „Es gibt gerade mal eine Autoanbindung, die Öffis sind 10-15 Minuten weg, packen das die Kapazitäten? Dafür kommt man vom Flughafen super hin, bravo“. Für ihn ist die Halle viel mehr für wohlhabende Tourist*innen als wie für die Einwohner*innen der Stadt gebaut. Luisa meint, „mir persönlich ist es wurscht, ob es die Halle gibt, ein Ticket darin kann ich mir sowieso nicht leisten“.
Außerdem gäbe es so viel besser geeignete Orte. Beim Interview brainstormt Ben Beofsich bei einem alkoholfreien Bier ein wenig, „Bitte einfach irgendwo am Stadtrand, von mir aus gegenüber vom Zentralfriedhof, dann kommt ‚Leben in die Toten‘ wie bei Wolfgang Ambros“. Er scherzt halbernst weiter, wieso könne man nicht einfach „in Salzburg so eine Halle hinstellen, des passt ja viel besser als in so einer ehemals sozialistischen Arbeiterstadt. Wo ist hier der SPÖ-Parteivorsitz? Wo is Andi Babler?“
Luisa von der St. Marx Initiative klagt, „bis jetzt ignorieren sie uns“. Eine Petition gegen den Bau der Halle in St. Marx mit knapp 1000 Unterschriften sei 2023 mit der Begründung, dass die Fläche nicht im Besitz der Stadt sei, abgewiesen worden. Offiziell gehört die Fläche privatwirtschaftlichen Unternehmen der Stadt Wien. In Straßenumfragen der Initiative rund um die Fläche zeige sich, viele Leute wissen gar nicht, dass hier bald eine Megahalle entstehen soll. Die Fläche wird von der Nachbarschaft vielseitig benutzt, es wird Fußball gespielt, gegartelt, die Projekte haben eine rege Nutzung, es gibt Flohmärkte und vieles mehr. Es sei immer Betrieb. „Und jetzt fährt man von der Stadtpolitik absolut intransparent einfach drüber“, beschwert sich Ben Beofsich. „Man muss sich vorstellen, nicht einmal die Bezirks-SPÖ hat Auskunft darüber“.
Beofsich und Luisa sind sich einig, sie vermissen Kommunikation und Transparenz seitens der Stadt. Der erste Schritt des Protestes sei nun einmal genau darauf hinzuweisen, mit verstärkter Medien- und Öffentlichkeitsarbeit. So wolle man Transparenz einfordern und mit den Verantwortlichen in ein Gespräch kommen. Der erste offene Brief an diese erging im November, die erste Demo gab es Mitte Dezember. Als weitere Protestform fasse man gerade Stadtplanung selbst ins Auge. Die Initiative und der Skateparkverein bereiten einen stadtplanerischen Gegenvorschlag für die Fläche vor, und zwar mit dem Budget der 153 Millionen Euro des Hallen-Projektes. Ein Gegenentwurf deshalb, denn es sei „schon klar, dass es unrealistisch ist, die Fläche komplett frei zu lassen. Es braucht ja auch kommerzielle Räumen“, meint Beofsich bevor er ins Schwärmen über potenzielle Möglichkeiten gerät. „Wir sind keine vollkommen verblendeten Marxisten da draußen, wir wissen, man braucht auch so einen Cash-Flow“, schließt er lachend ab.
Angesprochen auf extremere Protestformen winkt Beofsich zunächst ab. Eine Eskalation sei nicht das Ziel. Er formuliert dann aber doch klarer, „niemand will das besetzen, hab i auch kein Bock drauf. Aber zur Not mach ich‘s wahrscheinlich; doch privat“.
In Sankt Marx, sind die Zementsäcke bereits fertig eingeschlichtet. Die selbstgebaute Flutlichtanlage auf Holzmasten ist schon seit einigen Stunden in Betrieb. Einzelnen Menschen skaten immer noch in den Rändern des Parks, obwohl es immer kälter wird. Die Bänke werden näher an die entzündeten Feuertonnen gerückt. Beofsich und seine Freund*innen besprechen, wie sie morgen den Beton für den Tischtennistisch anmischen. Ein Makita Baustellenradio spielt “Love will tear us apart” und „Frage der Zeit“ von Wolfgang Ambros. Die Leute fühlen sich wohl. Beofsich verdeutlicht, „wenn hier morgen die Bagger anrollen, stehen sicher 1000 Leute da“. Luise schließt sich an, „Wir werden alle möglichen Strategien versuchen, um diesen Bau zu verhindern“.
