„Der Baum ist gestresst“ 

Von Stefanie Kurasch – Der Wald in Österreich leidet unter dem Klimawandel – Trockenheit, Sturm und invasive Arten bedrohen das Ökosystem. Wie eine Familie gegen den Borkenkäfer kämpft und was eine Expertin darüber weiß. 

Es ist der Tag vor Silvester. Der Himmel ist klar, die Temperaturen sind nahe dem Gefrierpunkt. Motorsägen hallen durch den Wald. Dick eingepackt ist Familie Solnier im Wald unterwegs. Sie müssen Bäume fällen und aus dem Wald bringen, die vom Borkenkäfer angegriffen wurden. Das soll die weitere Ausbreitung des Käfers verhindern. Vor einigen Tagen war ein Anruf eines Nachbarn gekommen, der die Spuren des Borkenkäfers an den Bäumen bemerkt hat. „Lange darf man da nicht warten“, erzählt Resi Solnier, die heute mit dabei ist, um ihre Söhne bei der Waldarbeit zu unterstützen. 

Normalerweise kontrollieren sie alle zwei Wochen ihren Wald, jetzt habe man aufgrund der Feiertage ein Monat verstreichen lassen. Intensität und Häufigkeit der Schäden haben zugenommen. „Das gab es vor 30 Jahren in diesem Ausmaß jedenfalls nicht“, meint Resi.

Wald im (Klima-)Wandel 

Der Klimawandel hat erhebliche Auswirkungen auf die Wälder in Österreich. Steigende Temperaturen und veränderte Niederschlagsmuster begünstigen die Ausbreitung von Schädlingen wie dem Borkenkäfer. Gleichzeitig erhöhen längere Trockenperioden die Anfälligkeit der Wälder für Brände und verringern die Widerstandskraft der Bäume. Auch extreme Sturmböen treten häufiger auf. Die Stürme entwurzeln Bäume, insbesondere flachwurzelnde Arten wie Fichten, die ohnehin durch Trockenheit oder Schädlinge geschwächt sind. Das führt zu großflächigen Waldschäden und erhöht die Gefahr von nachfolgenden Schädlingen oder Krankheiten in den betroffenen Gebieten zusätzlich. 

Dies bestätigt uns auch Katharina Lapin, Biodiversitätsforscherin am BFW (Bundesforschungszentrum für Wald), die die Balance der österreichischen Wälder in Gefahr sieht. „Ein gewisser Anteil an Schädlingen ist normal, wenn man das aus ökologischer Sicht betrachtet, aber die Intensität, mit der das momentan auftritt, ist schon auch vom Klima angetrieben. Der Baum ist gestresst.“, sagt sie. Sie geht davon aus, dass sich Krankheiten wie  das Ulmensterben in Zukunft häufiger wiederholen werden. Dafür verantwortlich sieht sie nicht nur den Klimawandel, sondern auch den globalen Handel. Pilze und andere Krankheitserreger, die den Bäumen schaden können, haben sich über Handelswege verbreitet. „Und dann haben wir das Problem, dass der nachwachsende Wald einfach weggefressen wird, weil die Wildpopulationen so hoch sind. Es kommt zu keiner natürlichen Verjüngung mehr.“, erklärt uns die Expertin. 

Erst vor fünf Jahren hat Peter Kautz, der Schwager von Resi, die Hälfte seines Waldes durch einen Sturm verloren. Damals haben auch andere Bauern aus der Umgebung große Teile ihres Besitzes eingebüßt. In anderen Teilen Kärntens sei die Situation noch dramatischer. „Bei uns gibt es genug Schaden, aber nicht so viel wie im Mölltall oder im Lesachtal, dort ist alles befallen“, erzählt Peter. Insbesondere das Sturmtief „Vaia“ im Oktober 2018 verursachte massive Schäden. Mit Windgeschwindigkeiten von über 200 km/h führte der Sturm zu großflächigen Windwürfen.

Der Käfer als Omen

Resis Sohn hat mit der Motorsäge und Keilen den ersten Baum gefällt. Die Seilwinde des Traktor startet und zieht ihn aus dem Wald hinaus. Gefährlich sei diese Arbeit, aber notwendig. „Wenn der Borkenkäfer einmal bohrt, dauert es nicht länger als ein Monat, bis er die Nadeln verliert“, erklärt Resi. Dann ist der Baum endgültig kaputt und wertlos. Wertlos heißt, dass er nicht mehr als Nutzholz verkauft werden kann. Eile ist geboten, um möglichst viel des Wertes des Holz zu erhalten. Aber auch um eine weitere Verbreitung des Borkenkäfers auf andere Bäume zu verhindern. 

Leider ist der Borkenkäfer ein harter Gegner. Er hat sich gut an die klimatischen Gegebenheiten angepasst und ist äußerst widerstandsfähig. Bei Frost kann er in der Rinde überwintern und hält im Käferstadium sogar eine Absenkung seiner Körpertemperatur auf unter -20 ° Celsius aus. Bei höheren Temperaturen beschleunigt sich seine Entwicklung und es kommt zu starkem Wachstum, das bei einem geschwächten Wald schnell in Massenvermehrungen ausarten kann.

Resi weiß die Spuren des Käfers zu lesen. Mit einem Messstab fährt sie die Rinde des Baumes entlang und deutet auf die Einbohrstellen, aus denen klebriges Harz tropft. „Daran erkennt man den Käferbefall“, erklärt sie. Weitere Spuren sind Bohrmehl am Fuße des Baumes, trockene Wipfel und das Abfallen der Rinde als letztes Symptom.

Vor allem die Fichte ist betroffen. Die Hälfte des Ertragswaldes in Österreich, der primär zur Produktion von Holz bewirtschaftet wird, besteht aus Fichtenbäumen. Die Fichte stellt keine großen Ansprüche an ihren Standort, braucht aber als Flachwurzler eine gute Wasserversorgung. Diese ist durch den Klimawandel zunehmend gefährdet. 

Eine gute Mischung

Expert:innen raten als Antwort auf diese Entwicklung zu einer Diversifizierung der Baumarten, um die Widerstandsfähigkeit der Wälder zu erhöhen. Trockenheitsresistentere und tiefwurzelndere Baumarten wie Buche, Eiche oder Weißtanne sollen in tieferen Lagen gefördert werden. Sie sind nicht nur resistenter gegen Schädlinge, sondern auch standhafter gegen Sturmereignisse, die sich in den letzten Jahren mehren. „Man weiß ganz genau, welche Baumart in den nächsten 50 bis 100 Jahren geeignet wäre, aber man muss auch noch andere Sachen bei der Auswahl berücksichtigen. Von der Bewirtschaftsungsseite ist das relativ komplex und facettenreich. Es kommt darauf an, was man mit dem Wald vorhat.“, erklärt uns Lapin. 

Ist der Mischwald die Antwort auf den Klimawandel? Kann er die genannten Probleme lösen? Eine Faustregel gibt es leider nicht, meint die Expertin: „Es ist  nicht so, dass man sagt Okay ‚Wenn wir das machen, wird alles gut‘. Wir müssen uns auf ein System einstellen, wo wir proaktiv reagieren. Die Erhöhung der Baumartenvielfalt ist eine Art Versicherung.“

Der Wald soll gemischt sein, das weiß auch Resi. Wenn Bäume geschlägert werden, müssen neue nachgesetzt werden. Daran wird sie notfalls auch vom Förster erinnert, der ein Auge auf die Wälder hat. Das neu gepflanzte Laubholz wird hauptsächlich als Brennholz für den eigenen Ofen verwendet und kann nicht verkauft werden. Das ist ein großes Manko. „Das ist jetzt nunmal so, der Käfer ist schon im Wald drin. Was soll man machen?“, sagt Resi nüchtern.

Mehr als nur Holz

Warum ist der Schutz des Waldes eigentlich so wichtig? Welchen Nutzen hat der Wald für die Gesellschaft und die Umwelt? 

Der Wald nimmt CO₂ aus der Atmosphäre auf und speichert sie im Holz und Waldboden, er reguliert Temperaturen und Wasserkreisläufe, er produziert Sauerstoff und sorgt für frische Atemluft, er bietet nachhaltige Ressourcen wie Holz, das fossile Brennstoffe und energieintensive Materialien ersetzt und dient uns Menschen letztlich zur Erholung. Was meist weniger Beachtung findet ist die Biodiversität, die der Wald bereithält und die für die Stabilität von Ökosystemen unerlässlich ist.

„Ein Drittel unserer Arten in Österreich sind Wald-gebunden. Sie brauchen Waldstrukturen, um überhaupt zu leben. Und die Arten brauchen wir, um wirklich auch überhaupt Leben zu garantieren.“, weiß Lapin. Intakte Ökosysteme mit hoher Artenvielfalt bieten sauberes Wasser, fruchtbare Böden und die Bestäubung von Pflanzen, die für die Ernährung und Gesundheit unverzichtbar sind. „Biodiversität ist sehr eng mit der menschlichen Gesundheit verkoppelt, direkt und Indirekt.“, sagt die Expertin. Auch das psychische Wohlbefinden wird durch Erlebnisse in artenreichen Naturräumen gestärkt, da sie Stress reduzieren und die mentale Gesundheit fördern. Die menschliche Gesundheit ist also abhängig vom Zustand des Waldes. Die Frage, wie es ihm geht, sollten wir uns also dringend stellen.

Resis Sohn muss einen Keil nochmal einschlagen. Der Baum will nicht fallen. Ein Ast eines benachbarten Baumes ist gegen den Stamm gepresst und droht herunterzuschnalzen, wenn der Baum nachgibt. Der Sohn muss bei seiner Arbeit am Stamm aufpassen, um nicht getroffen zu werden. Plötzlich ist verständlich, warum die Arbeit im Wald als gefährlich gilt. Mit etwas Nachdruck bewegt sich der Baum schließlich und kippt langsam auf den weichen Waldboden. Wumm! 

Ist der Wald an der Kippe?

Ob der Wald an der Kippe steht, will die Expertin so pauschal nicht beantworten. Die gute Neuigkeit ist, dass er in Österreich nach wie vor zunimmt. „Es wird immer mehr Wald und auch immer älterer Wald. Und auch weniger intensiv bewirtschafteter Wald.“,sagt Katharina Lapin. Das bedeute aber nicht zwangsläufig, dass der Wald auch gesund ist. 

Was jetzt wichtig sei, ist das Setzen von Maßnahmen, um den Wald zu stärken. Es gibt laut der Expertin leider keinen „Masterplan für Biodiversität“ und Waldschutz, denn der Wald in Österreich ist sehr divers. Es hängt sehr vom Standort und der Waldbeschaffenheit ab, welche Maßnahmen umgesetzt werden können und sinnvoll sind. Was dennoch klar ist, dass nicht abgewartet werden kann. Die Expertin ist sich sicher: „Man kann schon noch viel tun und man muss auch viel tun und man wird in Zukunft noch viel tun müssen.“

Das wissen auch Resi und ihre Söhne. Sie sind an diesem Tag noch länger im Wald geblieben, fertig wurden sie mit ihrer Arbeit nicht. Sie kommen die nächsten Tage wieder, um die restlichen Bäume aus dem Wald zu bringen. Wie lange dann Ruhe ist, das kann ihnen niemand beantworten.  


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