Musste Jack Unterweger zum Mörder werden? Der renommierte Gerichtspsychiater Reinhard Haller ist überzeugt, dass die grausame Serie von elf Frauenmorden hätte verhindert werden können. Doch was treibt einen Menschen in solche Abgründe? Gibt es den einen „Kipppunkt“, an dem ein Täter die Grenze zum Töten überschreitet? Haller, der über 400 Gutachten zu Tötungsdelikten erstellt hat, liefert Antworten – ebenso wie die Strafverteidigerin Astrid Wagner, die durch ihre Liebesbeziehung zu Unterweger eine seltene Perspektive auf das Innenleben eines Serienmörders bietet.
„Viele Täter überraschen mit ihrer Normalität“, erklärt Haller. „Sie haben Ängste, Sorgen und Nöte wie jeder andere. Manche sind selbst fassungslos über ihre Tat.“ Etwa 15 Prozent der Täter seien psychisch krank. Eine weitere Tätergruppe umfasst jene mit Persönlichkeitsstörungen, oft als „Psychopathen“ bezeichnet. Die meisten Morde in Österreich seien Beziehungsdelikte. „Sie geschehen im privaten Umfeld – oft unter dem Einfluss von Alkohol oder Drogen. Ein Streit eskaliert, und eine impulsive Tat ist die Folge.“ Auch Gruppendynamiken können eine Rolle spielen, besonders bei Jugendlichen. „Hannah Arendts Konzept der ‚Banalität des Bösen‘ zeigt sich hier: Viele Täter sind keine geborenen Psychopathen, sondern Menschen, deren dunkle Seiten unter bestimmten Umständen zutage treten.“

Ein Blick in den Abgrund: Der Fall Jack Unterweger
„Kinder brauchen Zuwendung, Zärtlichkeit und Zeit – die drei großen Z für eine gesunde emotionale Entwicklung. Unterweger erfuhr all das nicht“, erklärt Haller. Das Ergebnis: eine Persönlichkeit ohne Empathie, geprägt von Minderwertigkeitsgefühlen und dem Drang, Macht über andere auszuüben.
Jack Unterweger wurde 1950 in armen Verhältnissen geboren. Seine Mutter, eine alleinerziehende Frau – war mit der Erziehung überfordert. Der Vater, ein amerikanischer Besatzungssoldat – war nie da. Unterweger erlebte eine Kindheit voller emotionaler Kälte, wechselnder Bezugspersonen und körperlicher Gewalt. Die Folge: „Jack Unterweger litt unter malignem Narzissmus, einer toxischen Mischung aus Sadismus, Paranoia und dem krankhaften Bedürfnis, andere zu unterwerfen“, so Haller. Sein Charme war dabei eine seiner gefährlichsten Waffen. Unterweger inszenierte sich als intelligenter, charismatischer Mann, der mit seiner Persönlichkeit Menschen in den Bann zog. Frauen verliebten sich in ihn, Intellektuelle feierten ihn als Beispiel gelungener Resozialisierung. Doch hinter dieser Fassade verbarg sich ein zutiefst verletzlicher Kern. „Seine Minderwertigkeitsgefühle kompensierte er durch Demütigung, Missbrauch und letztlich Mord“, erklärt Haller.
Astrid Wagner, die eine Liebesbeziehung zu Unterweger hatte, beschreibt ihn als faszinierend und manipulativ: „Er konnte Menschen für sich gewinnen. Sein Charisma war beeindruckend.“ Kennengelernt hat sie Jack Unterweger, als er bereits im Gefängnis war. Wagner baute eine enge Verbindung zu ihm auf und war eine seiner Unterstützerinnen. Sie glaubte an seine Unschuld in Bezug auf die ihm zur Last gelegten Verbrechen.
Seine kriminelle Karriere begann früh: Zuhälterei, Drogenhandel und Eigentumsdelikte prägten seine Jugend. Bereits in den 1970er-Jahren verübte Unterweger seinen ersten Mord. Sein Opfer war die 18-jährige Margarete Schäfer, die er in einer Dezembernacht mit einer Stahlrute durch den Wald trieb und schließlich mit ihrem eigenen Büstenhalter erdrosselte. Der Mord wurde als Raubmord fehldiagnostiziert, da er der jungen Frau Geld abgenommen hatte. Doch tatsächlich handelte es sich um einen sadistischen Sexualmord, dessen wahre Natur nicht erkannt wurde, erklärt Haller.
Nach nur 15 Jahren Haft wurde Unterweger entlassen – ohne Auflagen, ohne Bewährungshilfe, ohne Therapie – ein fataler Fehler. „Die Resozialisierung war ein Trugbild“, so Haller. Unterweger begann eine neue Mordserie, zielte gezielt auf Prostituierte und plante seine Taten mit erschreckender Präzision.
„Ein Serienkiller tötet nie seine Partnerin“
Astrid Wagner erlebte Jack Unterweger aus einer besonderen Perspektive. Sie stand ihm emotional nahe – eine Beziehung, die bis heute kontrovers diskutiert wird. „Der Öffentlichkeit bekannt geworden bin ich eigentlich schon vor vielen, vielen Jahren im Zusammenhang mit Jack Unterweger. […] Er gilt als der einzige Serienkiller Österreichs. Er hat elf Prostituierte angeblich ermordet, man muss aber dazusagen das Urteil ist nie rechtskräftig geworden, außerdem ist er nur in neuen Fällen schuldig gesprochen worden. Und ja, seiner Zeit hatte ich, sagen wir so eine sehr enge Beziehung zu Jack Unterweger“, so stellte sich die österreichische Strafverteidigerin Astrid Wagner im Interview vor.
Astrid Wagner beschrieb im Interview, dass sie von seiner Persönlichkeit fasziniert war. Unterweger, der als charismatischer Narzisst bekannt war, beeindruckte Wagner mit seinem Intellekt, seiner Ausdrucksstärke und seinem manipulativen Charme. Sie sah in ihm nicht nur einen Mörder, sondern einen Menschen mit einer vielschichtigen Persönlichkeit. „Jack Unterweger hat mich natürlich sehr geprägt. Da habe ich leibhaftig erlebt was das heißt, warum jemand so schrecklich auf die schiefe Bahn gerät, um es milde auszudrücken. […] Er hat nachweislich eine junge Frau ermordet, ob er die anderen Taten begangen hat, weiß man nicht. […] Und trotzdem ist er nicht auf das zu reduzieren gewesen.“
Im Interview äußerte Wagner außerdem die umstrittene Meinung, dass ein Serienkiller seine eigene Partnerin nicht töten würde. Sie glaubte, dass Unterweger sie oder andere Frauen, mit denen er eine emotionale Beziehung hatte, verschonen würde. Psychiater Haller gibt ihr hier nur zum Teil recht. Zwar gebe es Fälle, in denen Serienmörder enge Beziehungen aufrechterhalten, ohne diese Personen zu gefährden. Als allgemeine Regel will er dieses Verhalten aber nicht gelten lassen. Bei Unterweger beobachtet Haller eine gewisse „Inselfunktion“: Menschen, die ihm nahestanden oder ihm von Nutzen waren, schützte er offenbar. Es sei jedoch fraglich, ob dies aus echter Zuneigung geschah oder aus einem rein opportunistischen Kalkül.
„Gefährlicher ist ein ganz normaler Mann“
Der Fall des Serienmörders Jack Unterweger fasziniert. Die meisten Morde sind aber Beziehungstaten, sogenannte Femizide. Wagner hebt hervor, dass es Femizide in allen gesellschaftlichen Schichten gibt. Vom Doktor bis zur gesellschaftlichen Unterschicht habe Wagner bereits alles erlebt. Auch Reinhard Haller betont, dass es sich bei etwa 80% der Tötungsdelikte in Österreich um Beziehungstaten handelt. „Also bei uns sind es eher Menschen, die im Zusammenhang mit partnerschaftlichen Problemen im weitesten Sinne zum Töter werden und nicht im Zusammenhang mit einer sehr hohen kriminellen Energie“, erklärt Haller.
Hätte man Unterweger stoppen können?
Der Fall wirft schwerwiegende Fragen auf: Hätte eine angemessene Therapie oder strengere Kontrolle nach seiner Entlassung die Morde verhindern können? Unterweger wusste die Schwächen des Systems geschickt auszunutzen. „Er spielte seine Rolle perfekt“, so Wagner. „Er wusste, wie er sich inszenieren musste, um zu täuschen.“ Haller zieht daraus eine wichtige Lehre: „Ein funktionierendes System hätte ihn stoppen können – durch engmaschige Überwachung, Therapie und gezielte Prävention. Doch die Fehler, die gemacht wurden, waren gravierend.“ Eine gezielte Behandlung hätte möglicherweise dazu geführt, dass Unterweger seine Neigungen besser unter Kontrolle gebracht hätte. Doch sein Narzissmus machte eine vollständige Rehabilitation nahezu unmöglich. Dennoch wäre eine intensivere Überwachung – durch Bewährungsauflagen, regelmäßige Therapie oder Sozialtraining – das mindeste an Vorsichtsmaßnahme gewesen. Stattdessen wurde er ohne jegliche Sicherheitsvorkehrungen entlassen. Dieser Fall verdeutlicht, wie das Böse oft näher am Normalen liegt, als man sich eingestehen möchte: Unterweger konnte so lange unbemerkt agieren, weil er seine dunklen Neigungen hinter einer Fassade verbarg und sich geschickt in die Gesellschaft einfügte.
